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Der englische Früchtekuchen – typisch englisch eben!

Der englische Früchtekuchen – typisch englisch eben!

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Das scheint offenbar der Grund zu sein, wieso mein Mann und ich vor 20 Jahren zueinander gefunden haben. Er groß, ich klein. Er mathematisch, analytisch, ich emotional und spontan. Er Sachbuch-belesen. Ich Fantasy-, Horror- und Krimi-fanatisch. Er: stolzer Middle Class-Engländer und leidenschaftlicher Arsenal- und Cricket-Fan. Ich: Deutsche aus bodenständiger niederrheinischer Familie, deutsch wie man deutsch nur sein kann, überhaupt KEIN Fußball-Fan und nur mäßig begeisterte Sportlerin, es sei denn ich kann es mir vom Sofa aus ansehen.


Bevor ich vor 20 Jahren in die britische Kultur eintauchte – und das mit Englischkenntnissen, die mein Lehrer in Klasse 5 als „völlig hoffnungslos“ bezeichnete, kannte ich Lady Diana, „Dinner for one“ und die Pet Shop Boys. Damit waren meine Kenntnisse über das Inselland, das mit United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland den wohl längsten Staatennamen trägt, den es gibt, ausgeschöpft. Großbritannien: Das war für mich das konservative, höfliche und smarte Land in Europa, eben das Land, in dem die Briten ordentlich in der Reihe aufgestellt an der Bushaltestelle oder am EC-Automaten stehen, Schuluniformen tragen und auch am Casual Friday auf keinen Fall und niemals mit Jeans zur Arbeit gehen.

Mit Schirm, Charme und Melone

Irgendwie bin ich sicherlich mittlerweile von der britischen Kultur infiltriert, aber trotzdem muss ich bei vielen Dingen noch immer schmunzeln. Vielleicht mache ich das am Beispiel des englischen Früchtekuchens deutlich, der unter anderem zu Weihnachten gegessen wird, aber auch zu vielen anderen Festlichkeiten wie großen Geburtstagen, Hochzeiten oder Jubiläen auf den Tisch kommt. Seine Konsistenz ist so anders als all das, was wir gemeinhin hier in Deutschland unter Kuchen verstehen – oder gerne essen.

Während am Sonntagnachmittag bei uns dicke Sahnetorten auf dem Tisch stehen, kommt nun der gemeine Brite mit seinem Früchtekuchen daher. Sein Inhalt besticht durch eine ganz besondere Mischung aus Sultaninen, Korinthen, Orangeat, Zitronat und Gewürzen – und sonst recht wenigen Zutaten. Habt Ihr schon eine geschmackliche Vorstellung? Wem das zu fruchtig ist: Kein Problem! Denn der Kuchen wird kurzerhand in eine dicke Schicht Marzipan und eine weitere Schicht Fondant – auch Icing genannt – gepackt. Verzierungen nicht zu vergessen. Zur Weihnachtszeit wird liebevoll ein rotes Schleifenband drumgebunden. (Zum Originalrezept geht es übrigens hier lang.)

 

englischer Kuchen mit Rosinen
Detailansicht des Kuchens ohne das vorherige Icing.

Wichtig dabei: Der Kuchen wird bereits ein bis zwei Monate vor seinem Verzehr zubereitet und immer wieder mit Brandy getränkt. Danach hat er erst sein volles Aroma entwickelt. Unter feierlicher Ankündigung wird der Kuchen dann zur Tea Time den Gästen unter Staunen präsentiert und angeschnitten. Nicht natürlich, ohne sich vorab dafür zu entschuldigen, dass der Kuchen dieses Mal nicht so gelungen sei (auch wenn man damit jede deutsche Backshow hätte gewinnen können).

englischer Früchtekuchen

It’s Tea Time – echt jetzt?

Tea time in england Die sogenannte „Tea Time“ ist übrigens keine klassische „Kaffee- und Kuchenzeit“, wie wir nun denken. Es ist allerdings auch nicht das Abendessen, das man eher unter dem englischen Begriff Dinner vermuten würde. Tea Time wird irgendwann zwischen 16 und 17 Uhr serviert – meistens zwei Stunden, nachdem man ein opulentes Mittagessen beendet hat. Neben Sandwiches und Salaten, gibt es dann eben als Nachtisch den besagten Früchtekuchen. Der Kuchen wird also unter großem AHA von allen lobend begutachtet („Look at that Cake! It’s amazing!“) und angeschnitten –immer mit dem Hinweis, dass dieses aber WIRKLICH der BESTE Kuchen sei, den man JEMALS gegessen habe.

Wir Deutschen schrecken manchmal vor Rosinen und Korinthen zurück – in dem Fall muss man sagen: Pech gehabt. Denn gekniffen wird nicht und jeder muss ein kleines Stück Kuchen essen: „I would love to, but I couldn’t eat seriously more than a very small piece!“ (frei übersetzt: „Liebend gerne hätte ich ein Stück, aber wirklich nur ein ganz kleines, ich kann wirklich nicht mehr!“). Getrunken wird übrigens ganz klassisch englischer Breakfast Tee mit Milch.

Nun ist die Tea Time vorbei und alle können nach Hause gehen? Denkste! Jetzt nämlich erwartet den Kuchen ein zweites Leben. Alle, die an einer Feier nicht teilnehmen konnten oder Karten geschickt haben, bekommen Kuchen nach Hause gebracht – das kann per Post sein oder man nimmt ihn für Bekannte einfach mit. Hält sich ja, der Kuchen. Du glaubst das nicht? Gerade vor einem Monat habe ich von einer Feier ein Stück von Cornwall über Frankreich, Belgien und Holland an den Niederrhein transportiert. Er überlebte mehrere Hundeangriffe, Fressattacken von britischen Freunden und landete doch bei meinen Eltern auf dem Küchentisch. Das nenne ich länderübergreifende Liebe, oder?

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Eine kleine Anekdote noch zum Schluss, die nicht unerwähnt bleiben sollte: Anlässlich unserer Hochzeit vor 15 Jahren fertigten meine Schwiegeroma, Schwiegermutter und Schwiegertante einen dreistöckigen Kuchen aus eben diesem Früchtekuchen an – das ist quasi eine der sehr liebevollen Tradition in England, die ich damals noch nicht zu schätzen wusste. Die drei Torten wurden unter größter Vorsicht nach Deutschland transportiert.

Die einzige Aufgabe für mich bestand darin, das oben beschrieben Icing vorzunehmen, da es die Überfahrt nicht überlebt hätte. Kein Problem, dachte ich, und beauftragte einen Konditor, der das Ganze natürlich prompt versaute, indem er einfach eine Puderzuckerglasur über die Hochzeitstorte strich und der Kuchen wie ein deutscher Weihnachtskeks im XXL-Format aussah. Das Entsetzen war auf englischer Seite so groß, dass meine Schwiegermutter das Hochzeitsfest samt Ehemann vorzeitig verließ. Der Kuchen stand jahrelang zwischen uns. Doch das ist zum Glück mittlerweile vergessen.

 

Teetrinken - typisch englisch
Beim richtigen Engländer geht doch nichts über eine gute Tasse Tee mit Milch – mein Mann trinkt übrigens nur Earl Grey.

Wie geht denn der englische Früchtekuchen nun?

Für alle, die nun sehnsüchtig darauf gewartet haben, habe ich den Früchtekuchen natürlich inklusive Rezept aufgeschrieben. ich habe ihn zur Weihnachtszeit gebacken. Aber stört euch nicht dran. Er geht zu jeder Jahreszeit. Nur Zeit einplanen, das solltet Ihr auf jeden Fall! Zum Rezept!

In diesem Sinne verabschiede ich mich heute von euch. Bleibt gesund und passt auf euch auf – und hinterlasst mir doch einen Kommentar. Dann wäre ich die glücklichste Frau auf Erden! 

Eure Simone



5 thoughts on “Der englische Früchtekuchen – typisch englisch eben!”

  • Hi Simone! Vielen Dank für deinen Kommentar! Na und wie viel Herzblut hinter dem Beitrag steckte: Ich liebe Großbritannien einfach über alles! Da passen wir ja sehr gut zusammen 🙂 Würde mich über einen Gastbeitrag (ob nun ich bei mir oder du bei mir) sehr freuen 🙂 Ganz viele liebe Grüße
    Miriam

  • Der Kuchen sieht fantastisch aus! Ich wollte so etwas mal zu Weihnachten backen (man kann ja nie früh genug anfangen nach passenden Rezepten zu schauen).
    Und die Story von Eurem Fest und der Schwiegerfamilie…köstlich!
    Lg Miriam

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