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Hinfallen und wieder aufstehen

Hinfallen und wieder aufstehen

Kennt Ihr auch dieses Gefühl, dass Ihr manchmal gerne in einem anderen Körper zu Hause sein würdet? Nun, das ging mir ganz lange Zeit so. Im Rahmen der Kampagne #notwithoutmybody und Buchveröffentlichung „Tanz der Sonne entgegen“ von Mela Wagner wurde ich liebenswerterweise eingeladen, Euch ein wenig von mir zu erzählen. Also erzähle ich Euch heute meine Geschichte und will Euch damit Mut machen zu erkennen, dass jeder von Euch genauso perfekt ist, wie Ihr Euch eben fühlt. Nur der Mut an sich selbst zu glauben, gehört dazu.

 

Seefahrerkapelle in St. Ives

 

Ich bin 1,50 Meter groß und – ehrlich gesagt – ist das schon ein wenig geschummelt. Denn in Wirklichkeit messe ich nur 1,49 Zentimeter, so sehr ich meine Wirbelsäule auch durchstrecke. Und ja, ich war schon immer kleiner als alle anderen. Es begann im Kindergarten, ging in der Schule weiter und nahm ein jähes Ende als ich Teenager war – nämlich, indem ich einfach aufhörte zu wachsen. Liliputaner, Kindergartenkind, Zwerg – das sind die netten Worte, die ich mir als Kind anhören durfte.

Die gehässigen Dinge mag ich nicht mehr in den Mund nehmen, denn sie wären nicht jugendfrei. Auf jeden Fall tat jedes Wort weh, wie der Stich mit einer kleinen Nadel auf der Haut. Ich sah, wie meine Freunde in der Pubertät an mir vorbeischossen und auf den Kopf spucken konnten. Ich sah, wie alle schon Teeanger-Klamotten einkauften und ich noch immer notgedrungen in der Kinderabteilung rumhing. Ich habe mich unendlich geschämt, wenn ich auf unseren ersten Partys mit Jungs eng aneinander gekuschelt tanzen wollte, aber das einfach nur doof war. Und es war einfach bitter, wenn ich eigentlich sehr gut Klavier spielte, aber die Spannbereite meiner Finger eine aussichtsreiche berufliche Karriere zunichtemachte.

Aufstehen geht erst, wenn Du hingefallen bist

Es ist rund 30 Jahre her, dass meine Eltern mich zu Fachleuten brachten, die mir dann diagnostizierten, ich würde nicht größer als 1,50 Meter sein. Für mich brach damals meine Welt zusammen – und meine Eltern mussten mit ansehen, wie sich ein junges Mädchen in ihr Schneckenhaus verzog und auf eine Fee wartete, die sie von einem bösen Traum erlöste.

 

 

30 Jahre später und immer noch keine Fee in Sicht?

Wer nun glaubt, dass die Fee kam: Da muss ich Euch enttäuschen. Sie kam nicht in Form eines wundersamen Wachstums. Und sie kam auch nicht in Form von gespritzten Hormonen, die mir ein paar zusätzliche Zentimeter beschert hätten. Sie kam auch nicht, um alle die Typen (Frauen wie Männer übrigens) aus der Welt verschwinden zu lassen, die ihre Zunge nicht im Zaum halten konnten: „Wie ist das Wetter da unten?“ / „Sitzt Du oder stehst Du?“ / „Mein Gott sind Sie winzig!“: Auch heute habe ich in mit solchen Sprüchen zu tun von Menschen, die einfach nicht besser wissen, wie man respektvoll mit seinem Gegenüber umgeht. Und es fühlt sich an, als ob unsere Gesellschaft nichts gelernt hätte.

Guck doch mal aus dem Schneckenhaus – ist auch schön da draussen!

Trotzdem ist heute etwas anders als damals. Ich bin anders. Denn irgendwann lernte ich, dass ich die Gesellschaft niemals würde ändern können. Und dass ich lernen müsste, mein Leben mit meinem Körper zu leben, ob ich ihn nun mögen würde oder nicht. Und weil es so viel einfacher ist, etwas zu lieben als zu hassen, begann ich meinen Körper zu achten, zu respektieren und zu lieben.

Aber ich konnte gar nicht mit meinem Körper umgehen, das merkte ich echt bald. Ich war schon älter als 25 Jahre, als ich mich zwang, Kleider zu tragen, die meinen Körper betonten und in denen ich mich nicht mehr wie ein Mäuschen verstecken konnte. Kleider, in denen ich als Frau und nicht zuerst als kleiner Mensch wahrgenommen wurde. Ich zwang mich, regelmäßig hohe Schuhe zu tragen, um ein paar Zentimeter zu gewinnen. Und schöne Schuhe sind doch irgendwie viel besser als eine jahrelang hormonelle Behandlung.

Irgendwann fielen die langen blonden Haare, hinter denen ich mich nicht mehr zu verstecken brauchte. So verließ ich nach und nach mein Schneckenhaus. Und mit dem Verlassen kamen das Selbstbewusstsein zurück und die Gewissheit, andere Stärken zu haben als meine äußere Erscheinung. Ich begegnete meinen Mann, der immerhin 1,93 Meter groß ist. er brachte mir bei, dass Anerkennung und Liebe nichts mit äußerlichen Gegebenheiten zu tun haben. Er ist bis heute meine Motivation, mein Innerstes nach vorne zu kehren.

 

Reinhold Messner

 

Klein – aber bloss niemals wieder verstecken!

Dass ich heute einen Beruf ausübe, nämlich den der Texterin und so eher für mich alleine bin, hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass ich mich noch immer verstecken möchte, als dass es meine Leidenschaft wäre. Und die trage ich in die Welt hinaus, zum Beispiel durch meinen Lifestyle-Blog, in dem sich alles um das Thema Großbritannien dreht.



Mich dem stellen, was mir damals Angst machte, ist eher ein anderer Part in meinem Leben. Seit fast zwei Jahren bin ich in der hessischen Kommunalpolitik verankert. Ich wurde für mich in das Stadtparlament unserer Kleinstadt gewählt – und mit dieser Benennung mussten Berührungsängste schwinden: vor harten parlamentarischen Diskussion, in denen man sich auch persönlich angreifbar macht, in einer immer noch extrem von Männern dominierten Welt und einer Art Mikrokosmos, in der man mehr von sich geben muss als man vielleicht zurückbekommt. Das ist ein wenig wie eine Feuerprobe, aber noch habe ich mich nicht verbrannt.

Respekt – vor sich selbst und seinem Gegenüber

Vielleicht ein Wort zum Schluss: Jeder von uns sollte und muss sich fragen, wie wir eigentlich selbst mit dem Thema Respekt umgehen. Wie steht es um eine Gesellschaft, die nicht weiß, wie sie mit Menschen umgehen soll, die nicht 08/15 sind – Menschen, die mit Behinderungen leben müssen, Menschen, die im falschen Körper geboren sind, Menschen, die zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn sind, die Pickel haben, Narben oder einen auffälligen Tick? Wie viel Respekt zollen wir wirklich den Menschen um uns herum?

 

To live is to risk - quote

 

Lasst uns gemeinsam daran denken, dass wir alle Schwächen haben, die man uns ansieht, wenn wir nur genau genug hinsehen. Aber ohne den eigenen Körper geht es nun mal nicht – und das wäre auch mehr als schade, oder?

In diesem Sinne: Seid, was Ihr seid, steht dazu und tragt es in die Welt: #notwithoutmybody
Eure Simone


Der Artikel ist im Rahmen der Buchveröffentlichung „Tanz der Sonne entgegen“ von Mela Wagner erschienen. Tanz der Sonne entgegen ist eine wunderschöne Geschichte über den Weg einer jungen Frau, die ihren Weg findet und lernt, zu sich selbst zu stehen.



11 thoughts on “Hinfallen und wieder aufstehen”

  • Du bist so eine schöne Frau liebe Simone…innerlich und äußerlich! Vielen Dank für diese ehrlichen Worte.
    Ich liebe deinen Blog und deine schönen Fotos von Großbritannien, das immer auch mein Sehnsuchtsland war und ist.
    Liebe Grüße
    Claudia

  • Liebe Simone,

    das alles kommt mir sehr bekannt vor!
    Ich habe es von der Größe her bis 1,62 cm geschafft. Ich durfte mir aber diese blöden Sprüche in der Vergangenheit auch anhören.
    Mittlerweile lebe ich nach dem Motto: Nobody is perfect. Wenn mir heute jemand mit so einem Spruch über die Lippen kommt, frage ich ihn, ob er von sich
    selbst ablenken möchte.

    Liebe Grüße
    Denise

  • Wow was für mega inspirierende Worte 🙂 Bin grad sehr überwältigt und werde heute Abend nochmal drüber lesen um noch mehr für mich mitzunehmen.
    Vielen Dank dafür! Du bist toll. Ich wünsch dir ein schönes langes Wochenende!
    Liebe Grüße Jacky

  • Danke für diesen tollen, sehr persönlichenundinspirierenden Beitrag! Du hast mal wieder gezeigt, dass es auf Äußerlichkeitennicht an ankommt. Du bist von der Größe her zwar wohl kleiner als die meisten anderen. Aber von der Erkenntnis her müssen wohl viele noch ein ganzes Stück wachsen, um an dich ranzukommen!

  • Hallo Simone,

    ein sehr schöner und inspririerender Beitrag den du aus deinem Leben schreibst. Viele Dinge im Leben kann man sich „leider“ nicht aussuchen und muss wirklich lernen damit zu leben. Aber du hast es auf alle Fälle geschafft. Und solche „Ereignisse“ wie auch Fehler machen einem im Leben nur stärker. Nur aus Fehlern kann man lernen und man muss sie einfach selbst bestreiten und da kann einem keiner helfen.

    Alles Liebe,
    Patrick

  • Meine Schwester ist 1,52 und ich 1,55…Mit meiner Größe hatte ich nie wirklich Probleme. Aber ich litt als Jugendliche unter Akne. Kinder können fies sein, sehr fies…Es dauerte bis ich mein Selbstbewusstsein wieder hatte…Die Narben von der Akne sehe ich heute noch in meinem Gesicht, andere hingegen nicht…Ich versuche meinen Kindern vorzuleben, dass es auf Äußerlichkeiten oder Größe nicht ankommt sondern auf das Ich und den Charakter…Sonderlich groß werden sie auch nicht werden, da mein Mann auch eher klein ist. 😉

  • Hallo Simone,

    ich habe gleich 2! gute Freundinnen, die 1,40m groß sind. Sie sind tolle Persönlichkeiten, eine ist Fotografin, die andere steht oft Modell für sie. Wenn wir abends in großer Runde beisammensitzen kommen von irgendwem immer irgendwelche Anspielungen auf die Größe. Auch wenn die nicht böse gemeint sind, nervt es sie bestimmt manchmal. Sie sind jetzt mitte Dreißig und das wird sich wohl nie ändern, trotzdem stehen auch sie darüber und machen ihr Ding. In deinem Beitrag geht es um deine Körpergröße. Aber ich denke, er hilft auch vielen weiter, die mit anderen Lebensumständen, die sie nicht ändern können, zu kämpfen haben.

  • Leider beaucht mannoft sehr lange dass man sich selbst gut akzeprieren kann aber gerade das ist eben ein so wichtiger Schritt im Lebene! Die Leute werden immer etwas zu reden haben und das kann man nicht ändern! Da muss man einfach drüberstehen und lernen sich selbst zu lieben auch wenn es einem ift nicht leicht fällt!

    Viele Grüße
    Denise
    http://www.lovefashionandlife.at

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