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Mit dem Fahrrad von Lands End nach John O’Groats – Reisebericht (Teil 2)

Mit dem Fahrrad von Lands End nach John O’Groats – Reisebericht (Teil 2)

Mein Kollege Christian ist von Land’s End in Cornwall nach John o’Groats im Nordenosten Schottlands mit dem Fahrrad gefahren – 1.350 Kilometer. Im zweiten Teil seiner Reise geht es um den Norden Großbritanniens – eine wilde Schönheit, wie wir alle wissen. Auch für Christian? 


Der kürzeste Weg von Land’s End in Cornwall nach John o’Groats im Nordenosten Schottlands misst ungefähr 1.350 Kilometer. Ein Muss und eine der populärsten Route für ambitionierte Radfahrer. Mein Kollege Christian nimmt uns mit auf seine Reise. Du hast den ersten Teil mit dem Start in Cornwall verpasst? Kein Problem! Hier kommt der Artikel! 

 

Cumbria und Lake District

Die Grafschaft Cumbria und der Lake District nehmen auf meiner End-to-End Radreise einen ganz besonderen Stellenwert ein, da sie sich deutlich vom bereits durchradelten England abheben. Meine Route sieht vor, über Milnthorpe in den Nationalpark Lake District zu fahren. Über hügelige aber meist abschüssige Straßen surrt das Rad bis Bowness-on-Windermere am gleichnamigen Lake Windermere, dem größten See des Lake Districts. Nach kurzer Stärkung halte ich Ausschau nach nach meinem Weg über die schlafenden Berge des Lake Districts – dem Kirkstone Pass. Er ist mit 454 Metern der höchstgelegene befahrbare Pass im Distrikt und der meist gewählte Weg, um „The Lakes“ in nördlicher Richtung zu durchqueren.

Der Aufstieg ist die Hölle: Oberschenkel und Knie kommen ans Maximum. Die sagenhafte Landschaft reißt es allerdings mehr als nur heraus. Den Pass teile ich mir mit Vans, Wohnmobilen und PKWs. Da Kirkstone Pass nicht zu den breitesten Straßen gehört und beidseitig von Trockensteinwällen gerahmt ist, wird es manchmal etwas eng. Glücklicherweise ist das Fahrtempo eher gemächlich und sehr rücksichtsvoll – bei den Aussichten über massige Felsen, moosbewachsenes Hochland und stillschweigende Seen kein Wunder.

 

Kirkstone Pass UK
Mit dem Rad zum Kirkstone Pass hinauf: Die Landschaft ist die Strapazen allemal wert.

 

Wo es hoch geht, geht es auch wieder runter: Mit ziemlich Pfeffer segle ich talabwärts ans Ullswater, dem zweitgrößten See der „Lakes“. An seinem Nordufer entlang radle ich mit tausend tollen Eindrücken nach Penrith. Von dort aus geht es am nächsten Vormittag über Carlisle bis an die schottische Grenze. Ein für mich absolut magischer Moment: Nicht nur, dass ich komplett England hinter mir gelassen habe, sondern dass ein Land mit schrägen Dialekten und einer einzigartigen Atmosphäre vor mir liegt. Voller Vorfreude und mit weichen Knien rolle ich bei schönstem Sonnenschein in Dumfries & Galloway ein.

 

Endlich Schottland – von Dumfries bis Perth

Schottland hat sein ganz eigenes End-to-End. Dieses beschreibt die 624 Kilometer zwischen Maidenkirk (heute: Kirkmaiden) bis nach John o’ Groats. Mein persönliches, schottisches End-to End startet in der Nähe von Canonbie. Es geht nun für ca. 50 Kilometer auf der Hauptverkehrsader A7 nach Hawick, das „Home of Cashmere“, immer entlang des River Esk. Nach dem Lunch radel ich weiter über Selkirk bis Galashields, wo ich übernachte. Die erste Verschnaufpause in der Council Area Scottish Borders. Einige, sich lang ziehende Anstiege der Southern Uplands und die immer dünner werdende Siedlungsdichte machen mir klar, dass ich meine Trink- und Essensvorräte tagsüber besser organisieren muss.

 

Hawick Schottland
Auf dem Weg nach Hawick: Selbst auf den großen Straßen herrscht in Scottish Borders wenig Verkehr.

 

Am nächsten Tage wartet auf mich Edinburgh und die Überquerung des Firth of Forth über die mächtige Forth Road Bridge. Edinburgh „umkurve“ ich, da mein Zeitplan eng ist und Großstadtverkehr nicht unbedingt zu meiner Leidenschaft gehört. Die Forth Road Bridge ist fantastisch: Gigantischer Ausblick über den fjordähnlichen Mündungsarm und ein entspannter Radweg, den ich ganz für mich allein habe. Die Regionen Fife und Kinross & Perth gehören mit zu den schönsten Abschnitten meines LEJoG: Liebliche Feld- und Wiesenlandschaften, prächtiger Sonnenschein, kaum Wind und ein Vorgeschmack auf die Southern Highlands. In Perth sammle ich meine Kraft, um mich am nächsten Tag endlich in die Highlands zu stürzen.

 

Loch Leven
Radfahren mit Blick auf Loch Leven und die Lomond Hills: Kinross & Perth gehört zu den schönsten Abschnitten meines End-to-End.

 

Mit dem Rad durch die Highlands

Wider meinen Erwartungen zeigen sich die Highlands handzahmer und angenehmer zu radeln als ich dachte. Der Großteil des Abschnitts führt mich durch die Regionen Ross & Cromarty, Inverness, Sutherland und Caithness. Bei meiner Reiseplanung pickte ich mir die A9, eine der Hauptschlagadern durch die Highlands, heraus. Ich wollte ihr folgen, um zügig die sanften Riesen hinter mir zu lassen. Die A9 war eine eher mäßig gute Idee, da sich Truck um Truck an mir vorbei mogelt. Also: Nichts wie runter von der Straße. Glücklicherweise verläuft parallel zur A9 eine ruhige Nebenstraße, die mir die beste Zeit meines LEJoG beschert.

Im ruhigen, wenn auch von einigem Gegenwind gebremsten Tempo fahre ich Dalwhinnie entgegen, wo es die höchstgelegene Whiskey Destille in ganz Schottland gibt. Immer tiefer dringe ich in die Highlands vor, bis ich schließlich den Cairngorms Nationalpark erreiche. Die weitläufige Hochebene ist von riesigen Feldern gelb blühenden Stechginsters gefärbt. Die in der Ferne schläfrig ruhenden Grampian Mountains tragen dezente Schneekuppen. Dazwischen sorgen Mooslandschaften, Moore und Wälder für eine emotionale und berührende Naturkulisse. Dies war der Zeitpunkt, an dem ich wusste: Genau deshalb mache ich diese Reise.

 

Highlands Schottland
Endlich in die Highlands: Auf einer geschotterten Nebenstraße geht es nach Dalwhinnie und in den Cairngorms Nationalpark.

 

Nach einer teuren Nacht im Skiort Aviemore steuer ich schnurstracks auf Inverness zu. Hier buche ich im Internetcafé meine Rückfahrtickets und denke scharf darüber nach, einen Abstecher nach Loch Ness zu riskieren. Meine Beine jedoch sagen: „Nein“. Der Kopf war willig, das Fleisch war schwach. Spät am Abend erreiche ich die Küstenstadt Tain am Dornoch Firth, wo ich mit viel Glück gerade noch ein B&B bekomme. Der (fast) letzte Tag steht an und es geht überwiegend an der Küste hinauf bis Wick. Wesentlich hügeliger mit vielen waghalsigen Anstiegen und Abfahrten leitet mich die Küstenstraße durch Sutherland und Caithness. Bei Dunbeath genieße ich im The Bay Owl Inn den Lunch mit dem wohl schönsten Ausblick über die Steilküste, den Mini-Hafen und die Dunbeath Bay. Bis Wick ist es dann nur noch ein Katzensprung. Ich entscheide mich erst am nächsten Tag hinter meinem End-to-End einen Haken zu setzen.

 

John o’Groats und Fazit

Mit dicken Oberschenkeln und (endlich) leichtem Gepäck – der Rest blieb im B&B – radle ich die letzten 25 Kilometer super entspannt in Richtung John o’Groats. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass End-to-End nun wirklich zu Ende geht. Kaum ein Lüftchen weht auf dem offenen und endlos vor sich hin liegenden Küstenplateau. Es ist unfassbar still. Ich höre nicht mehr als die ruhig rollenden Reifen meines Fahrrads auf dem Asphalt, meinen Atem und ab und zu ein Möwengeschrei. Kaum ein Auto verirrt sich am frühen Morgen in den äußersten schottischen Nordosten. Als ich in das trostlose John o’Groats einbiege fühle ich mich stolz und traurig, erlöst und wehmütig.

 

 John o'Groat
Finale in John o’Groats: End-to-End findet hier sein graues aber erfolgreiches Ende.

 

„Trostlos“ ist absolut zutreffend. John o’Groats ist kaum mehr als eine Häusersiedlung. Da ist das Besuchszentrum samt Imbiss und ein kleiner Fährhafen, von dem regelmäßig Fähren zu den Orkney Islands übersetzen. Ansonsten nichts. 2010 räumte John o’Groats den Carbuncle Award als „Scotland’s most dismal town“ ab … herzlichen Glückwunsch! Mir gefällt aber die Melancholie, die über diesem Ort liegt. Ich schieße schnell ein Foto, trinke einen wässrigen Kaffee und besuche noch die Duncansby Stacks, zwei teuflische Spitzfelsen, die wie Wildschweinhauer im Meer sitzen.

Land’s End to John o’Groats ist für mich vorbei. Es war ein wilder und viel zu schneller Ritt. Solltet ihr in den Genuss dieser Radreise kommen: Nehmt euch mehr Zeit als ich. Viele wunderbare Städte, traumhafte Orte und Nationalparks flogen mehr an mir vorbei, als dass ich sie wirklich genießen konnte. Ich wollte es einfach nur schaffen, einfach nur ankommen. Um dann aber zu sagen: „Verdammt, das musst du nochmal machen!“

 

Die Rückfahrt

Meine Rückfahrtickets für den Zug hatte ich bereits in Inverness gebucht. In Wick am Bahnhof gab ich am Ticketautomaten meinen Buchungs-Code ein, zog die Tickets und wartete – mit lediglich zwei anderen Seelen, die sich hierher verirrt haben. Mit Rad und Pack zuckelte ich über Inverness bis Edinburgh. Spät abends ging dann der Sleeper Train nach London. Super angenehm, wenn auch an tiefen Schlaf kaum zu denken war. Am frühen Morgen kam ich in King’s Cross an und wechselte auf den Zug nach Dover. Raus aus dem Zug, rauf auf die Fähre und ab nach Calais. Verblüffend, alles klappte reibungslos. Keine Verspätungen, kein Nichts. Die Pointe setzte dann der Zahlautomat auf dem Langzeitparkplatz in Calais. Er akzeptierte meine Scheine nicht. Auch der Servicemitarbeiter wusste sich nicht zu helfen und ließ mich einfach passieren. Das ist doch mal eine gutes Ende.

Eine detaillierte Route meiner Land’s End to John o’Groats Fahrradtour findet ihr hier.

 

Habt ihr Fragen zu meiner Reise und wollt etwas ganz genau wissen? Schreibt es in die Kommentare!
Euer Christian

 


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