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Typisch britisch: Über Christmas Cards, Christmas Cake und Christmas Cracker

Typisch britisch: Über Christmas Cards, Christmas Cake und Christmas Cracker

Wir schreiben beinahe den 1. Advent und eigentlich sollte ich endlich an der vorweihnachtlichen Dekoration sitzen und dann auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken. Aber da fiel mir ein, dass ich Euch noch über ein paar weihnachtliche Traditionen der Briten erzählen wollte.

Manche wissen ja, dass ich mit einem Briten verheiratet bin – mittlerweile seit 14 Jahren. Dass das zwischen zwei so unterschiedlichen Nationalitäten so lange halten würde: Wer hätte das gedacht. Er mit englischer Nationalität, Middle Class-Zugehörigkeit, Privatschulausbildung und leidenschaftlicher Arsenal- und Cricket-Fan. Ich: Aus bodenständiger niederrheinischer Familie, deutsch wie man nur deutsch sein kann, ehrlich und direkt, überhaupt KEIN Fußball-Fan und nur mäßig begeisterte Sportlerin. Und die Cricket-Leidenschaft ist mir spätestens bei einem Besuch der „The Ashes“ verloren gegangen.

 

Schnee in den Cotwolds - UK
Blockley – verträumtes Dorf in den Cotwolds in England

Bevor ich vor 17 Jahren in die britische Kultur eintauchte – und das mit Englischkenntnissen, die mein Lehrer in Klasse 5 als „völlig hoffnungslos“ bezeichnete, kannte ich Lady Diana, „Dinner for one“ aus dem deutschen Fernsehprogramm und die Pet Shop Boys. Damit waren meine Kenntnisse über das Inselreich weitestgehend erschöpft. England: Das war für mich das erzkonservative Land in Europa, dessen Kultur im 14. Jahrhundert irgendwie stehen geblieben war: Rosamunde Pilcher prägt eben.

Mittlerweile habe ich das Land lieben gelernt und muss doch oft über die Unterschiede zwischen den Deutschen und Engländern schmunzeln. Ich könnte über Tausende von Dingen schreiben, aber ich konzentriere mich auf die drei Themen, die sich ein Deutscher vermutlich am wenigsten vorstellen kann: Weihnachtskarten aus England, der traditionelle Christmas Cake und die weihnachtliche Tea Time.

 

Alles andere als egal: Christmas Cards!

Fangen wir mal mit dem Thema „Weihnachtskarten“ an. Denn das ist etwas, das uns jedes Jahr von Mitte November bis kurz vor dem Fest beschäftigt. Der Brite schickt seine Karten analog per Post. Ich kann quasi bildlich sehen, wie die jüngeren Leser mich anschauen wie jemand vom anderen Stern. Ja, ich weiß: Für Euch fließen Geburtstags- oder Weihnachtsgrüße quasi automatisiert in die verschiedenen digitalen Pinnwände wie Facebook und WhatsApp.

Aber nicht so bei den englischen Nachbarn. Weihnachtskarten ist in England nach wie vor so etwas wie ein Wettbewerb wie um die meisten Follower auf Instagram. Wer bekommt und verschickt die meisten Karten? Und wer verschickt seine Karten zuerst? Ich darf schon einmal auflösen: Wir nicht! Auch wenn der Ehemann jedes Familienmitglied von Geburt höchstpersönlich zwingt, jede Karte mit eigenem Namen zu unterschreiben: Jede! Schummeln geht nicht.

In der Weihnachtzeit sind in Großbritannien wohl Millionen von Karten unterwegs – an Menschen, die man gerne hat, die man irgendwann einmal gerne hatte, oder deren Adresse immerhin noch im Adressbuch dümpelt. Wir haben es mittlerweile geschafft, die Anzahl der Karten von rund 100 auf 30 Stück zu reduzieren. Das ist für englische Verhältnisse eigentlich nicht mehr angemessen. But so what!

Karten, wohin das Auge reicht

An jeder Ecke findet Ihr in Großbritannien Tausende von Kartenmotiven: Ein vorgedrucktes „We wish you a Merry Christmas“  hilft, möglichst viele Karten in kurzer Zeit zu schreiben. Nur unterschreiben muss der Absender seine Post schon selbst. Die verschickten Karten hängen später quer durchs Wohnzimmer, verzieren Fensterbänke und den Kaminsims oder werden dekorativ am Weihnachtsbaum aufgestellt. Bei manchen Briten mit besonders vielen Karten braucht es da gute Konzepte, um sie strategisch im Haus zu verteilen. Zum Beispiel meine Schwiegereltern: Die Karten der engsten Familienangehörigen dürfen auf dem Kaminsims direkt ins Wohnzimmer. Ansonsten landen die Karten im 1. Obergeschoss, im Fernsehzimmer oder in der Küche.

Manche Absender machen sich Mühe und schicken einen „Christmas Letter“ mit. Da wird zum Besten gegeben, dass der Onkel im letzten Jahr heiratete und die Tochter nu einen Hund hat, die Enkelin schon die 3. Schulklasse besucht und man im Urlaub in Cornwall war – insgesamt also Nachrichten, die unheimlich unter den Nägeln brennen.

 

Christmas Cake: The one and only

Kommen wir zum kulinarischen Teil: Da ist zum Beispiel der englische Christmas Cake, der zu allen möglichen und unmöglichen Feierlichkeiten, vor allem aber am 1. Weihnachtstag auf den Tisch kommt. Sein besonderer Inhalt besticht durch eine Mischung aus Sultaninen, Korinthen, Orangeat, Zitronat und kandierten Kirschen. Darüber Marzipan und dann als Abschluss eine dicke Schicht Fondant: eine Puderzuckermischung, die die Kuchenoberfläche so hart werden lässt, dass die englische Metro ohne Schaden drüberfahren könnte. Um den Kuchen wird liebevoll ein rotes Schleifenband gebunden, die Oberfläche mit einer Weihnachtsmannfigur und Silberkügelchen verziert.

englischer WeihnachtskuchenWichtig dabei: Der Kuchen wird bereits ein bis zwei Monate vor seinem Verzehr zubereitet und immer wieder in Brandy getunkt. Danach hat er erst sein volles Aroma entwickelt. Unter feierlicher Ankündigung präsentiert die Bäckerin dann den Christmas Cake am 1. Weihnachtstag zur Tea-Time: Das ist keine „Kaffee- und Kuchenzeit“, was man aus dem Namen vermuten könnte. Es ist auch nicht das Abendessen, das man eher zum Abend orientieren würde und auch Dinner genannt würde.

Tea Time wird serviert gegen 17 Uhr – also rund 2 Stunden, nachdem man das Mittagessen beendet hat, und besticht durch eine Auswahl an Sandwiches, einem riesigen Lachs, Salaten und diversen Weihnachtskuchen, zum Beispiel dem Christmas Cake. Sobald sich also alle am Tisch Anwesenden schon vor Essen durch den Raum kugeln, wird der Kuchen unter großem AHA von allen lobend begutachtet und angeschnitten –immer mit dem Hinweis, dass dieses aber WIRKLICH der BESTE Kuchen sei, den man JEMALS gegessen habe. Gekniffen wird nicht, aber immerhin hat sich bei unserer Familie die Strategie entwickelt, nur ein GANZ kleines Stück zu essen, denn man wolle ja vom Kuchen noch lange etwas haben. Das funktioniert allerdings nicht immer.

Wie auch immer: Was von der Torte später übrig bleibt, wird sorgfältig zurechtgeschnitten und Verwandten und Freunden mit der Post nach Hause geschickt. Hält sich ja…

Eine kleine Anekdote nebenbei

Eine kleine Bemerkung nebenbei, die ich an dieser Stelle erwähnen will. Anlässlich unserer Hochzeit fertigten Schwiegeroma, Schwiegermutter und Schwiegertante einen dreistöckigen Kuchen aus eben diesem Christmas-Cake an. Die drei Torten wurden unter größter Vorsicht nach Deutschland transportiert. Die einzige Aufgabe für mich bestand darin, das oben beschrieben Fondant vorzunehmen. Kein Problem? Kein Problem!

Ich beauftragte einen Konditor, der das Ganze natürlich prompt versaute, indem er einfache Puderzuckerglasur über die Hochzeitstorte strich und der Kuchen wie ein getarnter deutscher Weihnachtskeks aussah. Fehlte nur noch die Verzierung. Dass die Ehe überhaupt geschlossen wurde, grenzt bis heute an ein Wunder. Meine Schwiegermutter verließ das Fest samt Ehemann vorzeitig und ließ mich ihren Zorn noch Jahre später spüren. Heute lachen wir drüber – manchmal 😊.

Übrigens: Mein Rezept zum Kuchen gibt es übrigens hier. 

 

Christmas-Cracker: Krönender Abschluss

Zurück zur weihnachtlichen Tea-Time: Wer nun denkt, dass mit dem Christmas Cake die weihnachtliche Tea-Time beendet sei: weit gefehlt. Zur Krönung des Tages gibt es nun die so genannten Christmas-Cracker: Glitzernde Knallbonbons, die, wenn man sie an beiden Enden zieht, knallen – also zumindest dann, wenn man Glück hat und genügend Geld für die Dinger ausgegeben hat. Im Inneren befindet sich ein lustiger Witz, der aber – leider – selten witzig ist und zur Peinlichkeit jedes Einzelnen von jedem vorgetragen werden muss.

Beispiel gefällig?

WAITER: ‚How did you find your steak, sir?‘
DINER:’Quite by accident. I moved a few peas and there it was.‘

oder

‚I’ve lost my dog.‘
‚Why don’t you put an advertisement in the paper?‘
‚Don’t be silly – he can’t read.‘

oder auch

CUSTOMER:’I would like to try on that suit in the window, please‘
ASSISTANT:’I’m sorry, sir, you have to try it on in the changing-rooms, like everybody else.‘

Dazu gibt es im Cracker ein kleines Geschenk: Kartenspiele im Mini-Miniformat, Flummibälle oder Mini-Locher, kleine Scheren und solche Dinge, die man immer schon haben wollte. Zum Abschluss besticht der Cracker mit einem Papier-Krönchen e in lustigen Farben. Mit der Krone bereiten sich dann die englischen Zeitgenossen auf die Rede der Queen vor – man muss ja immer gut gekleidet sein.

 

Weihnachten in England
Darf am Christmas Day nicht fehlen: Der Cracker zum Abschluss beim Tea.

 

Sicher erlebt jeder seine englischen Weihnachten anders. Ich liebe sie mittlerweile und hoffe, Ihr konntet mit meinem Augenwinkern ein bisschen von der britischen Welt verstehen.

In diesem Sinne: Jetzt aber ab auf den Weihnachtsmarkt und trinkt einen für mich mit. Bleibt gesund und zieht Euch warm an!

Eure Simone



3 thoughts on “Typisch britisch: Über Christmas Cards, Christmas Cake und Christmas Cracker”

  • Hallo Simone
    Ich bin durch eine Bekannte auf deine Seite aufmerksam gemacht worden. Ich war direkt Feuer und Flamme. Die Rezepte werde ich demnächst ausprobieren und deine Geschichte zum 1
    Advent gefällt mir sehr. Ich wünsche dir und deiner Familie eine wundervolle Adventszeit und danke das du so schön schreiben du.
    PS. Ich kann nur ein ganz klein bisschen Englisch daher finde ich es super das es das ganze von dir in deutsch gibt.
    Herzliche Grüsse
    Martina.

  • Herrlich. Und jetzt glaube ich, dass ich Britin bin. 😉 Ich verschicke nämlich auch viele Karten -etwa 30- und freue mich über jede, die hier landet. Mail und WhatsApp-Grüße finde ich zu so einem Anlass zu unpersönlich. Die gehören für mich in den Alltag. Leider war ich noch nie in der Weihnachtszeit in GB. Aber ansonsten schon oft. Und ich liebe das Land.

    Viele Grüße
    Margrit

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