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Der Christingle-Service: Ein besonderer Brauch am Heiligabend

Der Christingle-Service: Ein besonderer Brauch am Heiligabend

Habt Ihr schon einmal einen Heiligabend-Gottesdienst in der protestantischen Kirche Englands besucht? Ich habe einen besonderen Brauch für Euch mitgebracht.

Der eigentliche Heiligabend mit seiner Christmette, dem beleuchteten Weihnachtsbaum und den Geschenken existiert in der uns bekannten Form in England nicht. Denn die Geschenke mit allem Drum und Dran gibt es erst am Morgen des 1. Weihnachtages, dem sogenannten Christmas Day, – ein Graus für alle Eltern, die mitten in der Nacht aufstehen müssen, um mit ihren erwartungsvollen Kindern endlich Geschenke auszupacken. Wir kennen das aus unserer vor Jahren total übermüdeten englischen Familie. Simone von totally.net hat gerade einen interessanten Artikel mit einigen Facts geschrieben.

 

Weihnachten in den Cotswolds

Dafür möchte ich Euch von einer anderen wunderschönen englischen Tradition erzählen, die bei Erwachsenen wie Kindern gut ankommt. Alleine dafür lohnt es sich, einmal Weihnachten in England zu verbringen. Oder macht diese schöne Tradition in Deutschland nach und bringt ein wenig Besinnlichkeit zurück in unsere Wohnzimmer.

Die Briten feiern zwar am Abend des 24. Dezembers zwar noch nicht offiziell die Geburt von Jesus Christi, doch sie treffen sich trotzdem am Christmas Eve überall in ihren örtlichen Kirchen zum Christingle-Service. Dort singen sie gemeinsam Christmas Carols, lesen Gedichte vor oder erleuchten das Christingle, über das ich Euch erzählen werde. Wir selbst verbringen das englische Weihnachtsfest meistens in einem der vielen wunderschönen Orte in den Cotswolds, die häufig als Herz Englands bezeichnet werden.

 

Broadway in den Cotswolds
Kirche in Broadway

 

Die Cotswolds, die rund eine Stunde von Birmingham entfernt liegen, sind leicht hügelig und bestehen aus sechs Grafschaften, zum Beispiel Oxfordshire oder Warwickshire. Bekannte Städte in den Cotswolds sind zum Beispiel Chiping Norton, Stow-on-the-wold oder Snowshill. Aber egal wo man hinkommt: Hier scheint es, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Wunderschöne Naturstein-Cottages erzeugen dieses typische britische Flair, das wir alle kennen und lieben. Und zu Weihnachten, da hat das Ganze natürlich eine besondere Atmosphäre. Einmal haben wir eine englische Weihnacht in dem kleinen Örtchen Blockley gefeiert, als wir tief verschneit waren. Es gab einen kleinen Kiosk, eine Kirche, einen Pub und ganz viel Schnee – romantischer geht es nicht.

 

Christingle – ein Symbol für das Licht der Welt

Christingle-Service am Christmas Eve in Broadway

Aber kommen wir zu dem Brauch, der sich Christingle nennt. Mit dem Christingle wird sowohl der Gottesdienst am Heiligabend und das dazugehörige Weihnachtslicht bezeichnet. Jesus selbst, der in der Nacht vom 24. Dezember geboren wird, ist dieses Licht, das weitergegeben wird in die Welt.

Der Ursprung des Lichts liegt übrigens in Deutschland. Bischof Johannes de Watteville der Herrnhuter Brüdergemeinde (englisch: Moravian Church) soll die Tradition 1747 in der Gemeinde Marienborn eingeführt haben. Die Brüdergemeinde ist eine aus der böhmischen Reformation überkonfessionell-christliche Glaubensbewegung, die vom Protestantismus geprägt wurde. Watteville wollte den Kindern auf einfache Art und Weise zeigen, wie schön es ist, dass wir Gott in der Welt haben. Dabei gab er den Kindern eine erleuchtete Kerze, die in Schleifenband gewickelt war. Er beendete die Zeremonie mit dem Satz: „Lord Jesus, kindle a flame in these children’s hearts that theirs like thine become.“

In Großbritannien wurde der Brauch 1968 von John Pensom vom Kinderhilfswerk „The Children’s Society“ in die protestantisch geprägte „Church of England“ eingeführt. Er veränderte das Symbol, indem er mit Kindern das Christingle mit all seinen verschiedenen Symbolen entwarf. Seitdem ist das Christingle zu einem festen Brauch am Heiligabend geworden. Gerade weil der Brauch etwas eher Kindliches hat, passt er perfekt zu einem Gottesdienst zu dem Erwachsene und Kinder eingeladen sind.

 

Christingle – eine Orange voller Symbole

Das Christingle sieht eigentlich sehr kindlich aus und hat durch die Orange auch ein tolles Aroma. Aber die einzelnen Elemente haben jedes für sich ihre eigene Bedeutung:

  • Die Orange: Sie repräsentiert in ihrer runden Form unsere Welt.
  • Die Kerze in der Mitte der Orange: Die gerade Kerze steht für Jesus Christus als Licht unserer Welt und wird während des Gottesdienstes entzündet. Sie leuchtet so hell wie die Liebe Gottes zu den Menschen.
  • Das rote Schleifenband um die Orange herumgewickelt: Sie steht als Symbol für das Blut Christi, das für uns vergossen wurde.
  • Getrocknete Früchte oder Süßigkeiten, die an vier kleinen Holzstäbchen aufgespießt wurden: Sie symbolisieren die Früchte der Erde und die vier Jahreszeiten (und halten meistens nicht den ganzen Gottesdienst durch, da sie vorher aufgefuttert wurden.)

Wenn sich die Menschen nun am Abend des 24. Dezember in den dunklen Kirchen treffen, wurden die Christingle von ehrenamtlichen Helfern vorbereitet und am Kircheneingang erhält jeder Besucher eine Orange. Während des Gottesdienstes entzündet der Priester die erste Orange und gibt das Licht weiter, bis alle Christingles die dunkle Kirche erhellen. Dann und erst dann, hat Weihnachten so richtig begonnen.

Woher der Name “Christingle” übrigens stammt, weiß man nicht so genau. Eine Möglichkeit ist, dass es eine englische Ableitung unseres Begriffs “Christkind” ist. Aber es gibt auch andere Erklärungen, die genauso viel Sinn machen. Wikipedia zum Beispiel sagt: “Vielleicht leitet sich das Wort vom alten sächsischen Wort “ingle” (Feuer) ab.

 

Blockley in den Cotswolds
Kirche im verschneiten Blockley

 

So machst Du Dir Deine eigenes Christingle

Eine Christingle zu machen, ist ganz einfach. Ich erkläre Dir kurz, wie es geht, falls Du es nachmachen möchtest. Und wer weiß: Vielleicht ist dies auch eine schöne Idee für den einen oder anderen Familiengottesdienst zu Weihnachten.

  • Wickele ein rotes Schleifenband oder rotes Tape um den Bauch einer reifen Orange.
  • Kreuze die Oberseite einer Orange mit einem Messer ein und platziere ein kleines Stückchen Alufolie oder helles Brotpapier über dem Kreuz.
  • Fixiere eine dünne kleine Kerze in der Mitte der Orange, indem Du die Kerze in die Orange schiebst. Die Alufolie soll dafür sorgen, dass Dein Kind sich nicht an dem heißen Wachs verbrennt, sollte er doch einmal an der Orange hinunterlaufen.
  • Stecke Süßigkeiten oder getrocknete kleine Früchte an vier Zahnstocher und platziere sie im unteren Teil der Orange herum in die Haut.
  • Manche verzieren ihre Orange noch mit in die Haut gespickten Nelken, um dem Ganzen einen aromatischen Geruch zu geben.
  • Wer es sich nochmal live ansehen will: Hier gibt es das dazugehörige Video!

 

 

Das war es für heute mal wieder von mir. In diesem Sinne – und vielleicht sage ich es zum letzten Mal in 2017:
Passt auf Euch auf und bleibt gesund.

Eure Simone


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